Vom Chemiewerk zum Industriepark.

Die Geschichte von Gersthofen als einem der herausragenden Standorte der chemischen Industrie in Bayern kann als eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen bezeichnet werden. Wie an wenigen anderen Orten spiegeln sich in der Entwicklung des Werkes von der einstigen Fabrik der Farbwerke in Höchst am Main bis hin zum leistungsfähigen und auf die Zukunft vorbereiteten Industriepark die Wandlungen der industriellen Produktion, des Vertriebs und der Unternehmensführung im Verlauf von mehr als hundert Jahren wider.

Um weitere Informationen zu erhalten, klicken Sie bitte auf die gewünschte Jahreszahl.

Die "Electricitäts-Actien-Gesellschaft vorm. Lahmeyer & Co." in Frankfurt am Main hatte 1899 mit der wirtschaftlichen Erschließung der Wasserkräfte des Lech begonnen und die Farbwerke in Höchst, die für die Herstellung der Vorprodukte des Indigo auf große Mengen preiswerter Energie angewiesen waren, nutzten das Angebot von Lahmeyer, hier kostengünstige Energie aus Wasserkraft zu beziehen. Der Lech war damals ein ungebändigter Gebirgsfluss, der zur Zeit der Schneeschmelze kaum kontrollierbar war.

Mit der sicheren Stromversorgung kam man zu dem Entschluss, die Bauarbeiten für die Farbwerke Hoechst AG zu starten. Damit begann für den Chemiestandort Gersthofen eine wechselvolle Geschichte, zu der erfolgreiche Phasen wie etwa die Inbetriebnahme immer neuer Anlagen oder die Ansiedlung neuer Unternehmen ebenso gehören wie weniger erfreuliche Perioden, zum Beispiel die Teildemontage der Anlagen als Folge des Zweiten Weltkriegs.

Am 29. Januar 1901 wurde die Konzession zum Bau der Fabrik erteilt und schon ein gutes Jahr später waren die Produktionsstätten weitgehend vollendet. Am 7. März 1902 lief der Betrieb nach der Aufnahme der Stromlieferungen an. Es handelte sich um die Produktion von Chromsäure, Roh-Chinon und Phthalsäure. Eine Produktion von Indigo-Farbstoff fand, entgegen den ursprünglichen Planungen, in Gersthofen nie statt. 1903 wurde dafür die Produktion von Monochloressigsäure genehmigt und zwei Jahre später in Betrieb genommen.

1925 schlossen sich die Farbwerke in Höchst, die Farbenfabriken Bayer in Leverkusen und die Badische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen mit weiteren Unternehmen der chemischen Industrie zur I.G. Farbenindustrie AG zusammen – damals der größte Chemiekonzern der Welt. Gersthofen schlüpfte zwar mit unter dieses Dach, musste sich aber nun gegen konkurrierende Werke innerhalb des neuen Konzerns behaupten – mit großem Erfolg. Die Aufnahme weiterer Produktionen am Standort sowie die Forschung an Spezialprodukten wie zum Beispiel Kampfer zeigte dies deutlich. Im Jahr 1927 wurde die Produktion von Wachsen aufgenommen, die noch heute zu den Standbeinen des Industrieparks gehört.

Von Kriegsschäden blieben die Ortschaft Gersthofen und das Werk der I.G. Farbenindustrie AG verschont, allerdings wurde die gesamte Fabrikation im April 1945 stillgelegt, als amerikanische Truppen das Werksgelände besetzten. Im Juli 1945 wurde das Werk unter amerikanische Militärverwaltung gestellt. Die alten Verbindungen zum Werk Höchst wurden vollständig gekappt. Damit war die Fabrik zum ersten Mal seit ihrer Gründung auf sich selbst gestellt. Ende August 1945 wurde der Betrieb mit 85 Mitarbeitern wieder aufgenommen. Ein Jahr später wurde das Werk in "Lech-Chemie AG" umbenannt, ab dem 10. April 1947 hieß das Unternehmen dann "Lech-Chemie Gersthofen", allerdings immer noch mit dem Zusatz "US-Administration" versehen.

Als am 7. März 1952 der Aufnahme der Produktion in der Fabrik vor 50 Jahren gedacht wurde, konnte man mit Selbstbewusstsein auf eine schwere Aufbauphase zurückblicken. Noch vor der offiziellen Jubiläumsfeier wurde die Fusion mit den "Farbwerken Hoechst AG, vorm. Meister Lucius & Brüning" bekanntgegeben. Unter dem Dach der Farbwerke in Höchst begann ein langer Aufschwung, der nur zeitweise durch die Ölkrisen der 1970er-Jahre gebremst wurde. Die Gersthofener Forschung wurde seit 1954 erheblich gestärkt und weitete ihre Aktivitäten auf Spezialprodukte für die Kunststoff- und Lackindustrie aus. Diese Spezialitäten sollten in der Zukunft zu einem Markenzeichen des Werkes Gersthofen werden.

Unter dem Slogan "Aufbruch '94" begann sich der Hoechst-Konzern dramatisch zu wandeln. Große Teile des Konzerns wurden neu geordnet, verkauft bzw. in neue Unternehmen eingebracht. So wurde in Gersthofen die Produktion von Faservorprodukten aus der damals noch bestehenden Hoechst AG in ein selbstständiges Unternehmen ausgegliedert. Dieses Unternehmen trug den Namen Hoechst Trevira GmbH & Co. KG und ist heute als INVISTA Resins & Fibers GmbH ein weltweit tätiger Hersteller von Polyesterstandard- und -spezialprodukten.

1997 wurde zusammen mit den entsprechenden Aktivitäten der Spezialchemie von Hoechst das Werk Gersthofen von der Clariant GmbH, einem weltweit führenden Anbieter von Fein- und Spezialchemikalien, übernommen. Es trug nun den Namen "Clariant GmbH, Werk Gersthofen". Hoechst selbst fusionierte 1999 mit dem französischen Chemieunternehmen Rhone-Poulenc zur Aventis S.A., einem führenden Pharmahersteller in der Welt.

Die Infraserv Logistics GmbH wurde am 1. Januar 2000 als 100%-ige Tochtergesellschaft der InfraServ GmbH & Co. Höchst KG mit Sitz in Frankfurt gegründet. Zum 1. Oktober 2000 wurden die gesamten Logistikaktivitäten der Clariant GmbH ausgegliedert in die Infraserv Logistics GmbH, dem Komplettanbieter von logistischen Dienstleistungen für die chemische, die Life Sciences- und die Pharmaindustrie.

Zu Beginn des Jubiläumsjahres (100 Jahre Chemie in Gersthofen) verwirklichte die Clariant GmbH in Gersthofen ein neues Konzept: die Gründung eines Industrieparks mit Betreiber- und Servicegesellschaft. Insgesamt 370 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die rund 130 Auszubildenden wechselten zum 1. Januar 2002 in die Industriepark Gersthofen Servicegesellschaft mbH & Co. KG (IGS), eine 100%-ige Tochtergesellschaft der Clariant GmbH. Zu diesem Zeitpunkt gingen auch die Grundstücke und Gebäude sowie die komplette Infrastruktur in das Eigentum der IGS über.

Die Clariant Produkte (Deutschland) GmbH verkauft ihr bisheriges Tochterunternehmen IGS an die Mannheimer MVV Energiedienstleistungen GmbH. Dem Verkauf gingen intensive Gespräche und Verhandlungen voraus. "Dabei war es uns wichtig, einen Käufer zu finden, der sowohl über die nötige Expertise verfügt als auch eine langfristige, nachhaltige Strategie zur Weiterentwicklung des gesamten Standortes verfolgt", erläuterte Dr. Henri Schlömer, Geschäftsführer der Clariant Produkte (Deutschland) GmbH.